Sonntag, 26. April 2009

Fachtagung: Medienkultur im Wandel

Endlich wird sich einem Thema in großem und offiziellen Rahmen angenommen, dem mehr Aufmerksamkeit gebühren sollte, als ihm bislang geschenkt wurde und dem auch dieses Weblog explizit gewidmet ist: Medienkultur. Nur noch wenige Tage bis zur 54. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) in Bremen. Und dort geht es genau um "Medienkultur im Wandel", so der Titel. Am 30. April werde ich dort ebenfalls einen Beitrag leisten und einen Vortrag zum Titel: Medienkultur im digitalen Wandel. Autorschaft im Web 2.0 halten, der im Sommer 2008 bereits unter (lustigerweise) gleichem Titel in Buchform erschienen ist. Die Teilnahme freut mich und ehrt mich als Nichtmitglied der Gesellschaft besonders. Die Präsentation steht, ich bin bereit für Bremen, die Tagung kann beginnen! Über meine Eindrücke und neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft der Medienkultur werde ich hier berichten.

Im Mittelpunkt der DGPuK Jahrestagung 2009 steht die Auseinandersetzung mit Medienkulturen und deren gegenwärtigen wie auch historischen Wandel. Dabei wird das mit dem Begriff der Medienkultur bezeichnete Phänomen der Mediatisierung von Kulturen bewusst breit gefasst: Medienkulturen bestehen nicht nur als Nationalkulturen, sondern beispielsweise auch als politische Diskurs-, als Populär-, Migrations-, Redaktions- oder Unternehmenskulturen. Medienkulturen sollten also zeitlich, räumlich und sozial differenziert betrachtet und untersucht werden.

Themenfelder der Tagung sind

  • Konzepte der Medienkultur
  • Empirie der Medienkulturforschung
  • Historizität und Aktualität von Medienkulturwandel
  • Medienpolitik, Öffentlichkeit und politische Diskurskulturen
  • Integration, Segregation und Konflikte von Medienkulturen
  • Journalismus-, Produktions- und Organisationskulturen
  • Inhalte, Formate und Diskurse von Medienkulturen
  • Alltag, Rezeption und Sozialisation in Medienkulturen

Hauptvorträge der Konferenz halten


Vgl. Tagungs-Homepage mit PDF-Programm und Abstract-Katalog

Mittwoch, 22. April 2009

Plädoyer für ein "zensiertes" Internet

Unfassbar, worüber in Deutschland diskutiert wird: Zwei Fälle, zwei Entscheidungen. Wobei es im ersten Fall nach zähen Verhandlungen und Streitereien immerhin eine Entscheidung gibt. Die Rede ist (bei Fall 1) von der Sperrung kinderpornografischer Seiten im Internet, zu der Familienministerin Ursula von der Leyen die Provider aufgefordert hat. Die größten deutschen Internetanbieter, darunter die Telekom, Arcor und Alice haben bereits zugestimmt, den Zugriff auf einschlägige Seiten zu blockieren und dem Surfer (der sicher nicht zufällig auf diese Seiten „gerät“) ein Stopp-Schild vor Augen – oder besser vor den Kopf – zu knallen. Nicht nur ist es unfassbar, dass Datenschützer, allen voran ausgerechnet Bundesjustizministerin Brigitte Zypries einen „Grundrechtseingriff in die Informationsfreiheit“ in den Verträgen sehen und damit potentielle Täter in Schutz nehmen wollen, getreu dem Motto: Datenschutz ist Täterschutz! Es ist genau so unbegreiflich, dass eine Sperrung eindeutig illegaler und nicht beschreibbarer Seiten, von denen oftmals bekannt ist, nicht nur dass es sie gibt, sondern auch wo es sie gibt, überhaupt erst jetzt in Erwägung gezogen wurde. Als wäre das nicht schon weltfremd genug, streitet man allen Ernstes darüber, dass auch legale Seiten ins Sperr-Raster fallen könnten. Die Verantwortung wird schnell und einfach dem BKA überlassen, das ohnehin am liebsten alles sperren würde, was mit nackten Tatsachen zu tun hat. Oder wollen sie doch eher alles „offen“ lassen, damit pädophile Surfer überführt werden können? Es wäre ihr gutes Recht, wobei die Strategie natürlich bedenklich wäre, weil immer noch die wenigsten Täter gefasst werden. Nichtsdestotrotz ist die Sperrung erstmal beschlossen, die gesetzliche Verankerung muss folgen. Von der Leyen hat hart gekämpft. Eine Wahlkampftaktik wollen wir ihr in diesem Fall nicht unterstellen, auch wenn es natürlich solch brisante Themen sind, die im Wählergedächtnis haften bleiben. Wenn es Datenschützer und Demonstranten Zensur nennen, dass Kinderpornografie „gestoppt“ wird, oder legale Seiten in Mitleidenschaft gezogen werden könnten – zur Erinnerung: Es gibt Millionen weitere legale Pornoseiten – dann gehört das Internet zensiert!

Kommen wir zu Fall 2, der fast genauso fernab von gut und böse ist – nur betrifft er in diesem Fall das Urheberrecht: Illegale Tauschbörsen. Der Fall Pirate Bay sorgt derzeit für erhebliches Aufsehen, jedoch werden keine Konsequenzen aus den Diskussionen gezogen. Die Betreiber von Pirate Bay sind zu einem Jahr Gefängnis und einer erheblichen Schadensersatzforderung verurteilt worden. Die illegale Tauschbörse aber bleibt am weltweiten Netz. So als tauge sie noch zur Kriminalisierung unzähliger Internetsurfer. Natürlich ist es Schwachsinn, das Wort „jugendlich“ als Schutzbehauptung anzuführen, ebenso wie die Möglichkeit, dass man nicht wissen könnte, dass es sich um illegale Dateien handelt. Dennoch bestünde die Möglichkeit, kriminelle Machenschaften – zu denen solche Plattformen unweigerlich verleiten, und die in Anbetracht von Internetpreisen und der immer weiter fortschreitenden Netzwerkgesellschaft irgendwie auch vertretbar scheinen mögen – zu sperren! Warum tut man das nicht? Warum argumentiert man mit einem Bereitstellungsservice und unterscheidet zwischen Zugangsgewährer und Inhalten?

Neuste Tauschplattformen erheben sogar Geld für den Zugang zu illegalen Daten (wie etwa Firstload). Solche Machenschaften sind besonders perfide, weil sie ahnungslose Internetnutzer irreführen und sie im Glauben lassen, sie hätten eine Pauschale für die Inhalte bezahlt. Man kann es unbedarften Internetnutzern nicht verübeln, wenn sie die Kulturtechnik „Ware gegen Zahlung erhalten“ nicht anders kennen. Eine MP3-Seite aus Russland bietet sogar einzelne Musikstücke gegen einen auffallend geringen Preis an. Mit einem gravierenden Unterschied zu MP3-Stores: Die Daten sind vollkommen illegal, obwohl sie kostenpflichtig sind. Das Web 2.0 lehrt uns gerade neue Techniken, die sich noch in rechtlicher und moralischer Grauzone befinden mögen. Bleiben darf das so nicht. Die neuen technischen Möglichkeiten verlangen nach einer Neujustierung kultureller Kategorien. Sicherlich ist bei brisanten Fragen auch ein offener und demokratischer Umgang geboten. Wenn der aber zu falschen Ergebnissen führt, wurden falsche Diskussionen geführt. Auch hier gilt: Wenn die Sperrung einer kostenlosen Verbreitungsmaschine urheberrechtlich geschützter Werke als Zensur gilt, dann gehört auch hier das Netz zensiert. Es sollte das Diktum gelten: Zensur pro Kultur.

Was wir derzeit in der Internet- und baldigen Realwelt erleben, gleicht einer Farce. Diskussionen sind überflüssig: Kinderporno weg, Tauschbörsen weg (ungeachtet der graduellen Nichtvergleichbarkeit), und wir haben zwei große internetgemachte Probleme weniger. Das verhindert, dass sie zu „hausgemachten“ Problemen werden und eine etablierte Kultur aus den Angeln heben. Denn: Sie sind gerade dabei, genau das zu tun! (Fortsetzung folgt, denn sie muss!)

Mittwoch, 8. April 2009

Obama´s Welt: Der schwarze Messias

Yes, sie ist endlich auch bis nach Irak angekommen – die Obamania! Wie charmant hat er den G20-Gipfel in London verzaubert, wie hat er die Kerzchen auf dem Nato-Geburtstagskuchen in Deutschland und Frankreich zum brennen gebracht. Dann noch die Superstar-Stipvisite nach Prag. Ohne Zweifel: Obama ist der Schwarze Messias. Wenige Tage vor Ostern wird er Innbegriff eines revolutionären Zeitgeistes, wird er Symbol des Aufbruchs, geht er ein in die Historie – schon jetzt. Schuld ist nicht zuletzt die Euphorisierung in den Medien, die sich in diesen Tagen mit Hymen überschlagen. Selbst britische Zeitungen nehmen Michelle die königliche Handgreiflichkeit nicht übel. Dabei ist der schwarze Heilsbringer, der sich gerne mal von Kanzlerin Merkel richtungsweisend – im wahrsten Sinne - am Ärmel ziehen lässt, ein cleverer Stratege: Weg mit dem Bankgeheimnis und den Steueroasen, weg mit den Atomwaffen, Kompromissbereitschaft mit dem Irak – aus dem natürlich nie ein Schulterschluss werden kann -, und nicht zuletzt der Einsatz für die EU-Mitgliedschaft der Türkei (Okay, mit Rasmussen als Gewinn). Im Kern sind diese „Auslandseinsätze“ natürlich „Inlandseinsätze“, sie dienen der guten Stimmung, der Schadensbegrenzung, der Wiedergutmachung. Sie versöhnen den mächtigsten Mann der Welt wieder mit der Welt und zaubern nicht zuletzt ein Lächeln auf die amerikanischen Lippen.
Was sich erst allmählich zeigen wird: Der schwarze Messias verleiht auch den Amerikanern wieder jene Identität, die ihnen nach dem 11. September mit bushesquen Kampfparolen west-wild abgesprochen wurde. Vor allem steht „Obama“ für eine neue Qualität politischer Führung. Sein Führungsstil ist dialektisch, gleicht dem einer Raubkatze, die jedoch äußerst putzig und charmant ist. Mit Paukenschlägen hat er die Welt wach gerüttelt, sie aus der Schockstarre der Krise befreit und wirkungsvoll an seiner Geschichtsbuch-Karriere gearbeitet: Einen Dialog statt einen Kampf der Kulturen ist er gewillt zu führen. Auch wenn er scheitern wird, macht er das, was dringend geboten ist in diesen Tagen: zu handeln. Eine nuklearfreie Welt zu fordern, das macht ihm so schnell keiner nach. Und vor allem hinterlässt er damit auch nach seinem politischen Abtreten und möglicherweise auch nach seinem menschlichen Ableben einen bleibenden Eindruck. Jenseits des Schmetterns versteht er sich auf eine Handlung des Wortes, eine Strategie des Zuhörens, des Zurückhaltens – ja, des bewussten Zurücknehmens. Ganz anders als der „breitbeinige Bush“.
Natürlich hat es der Revolverheld auf dem Golfplatz dem schwarzen Messias aus Reihe zwei leicht gemacht. Doch die politische Führung Obamas beschränkt sich nicht auf eine bloße Negation der Bush-Ära. Sein Führungsstil ist – auch im Vergleich der Weltpolitik – mehrdimensional. Er macht kleine Stilfehler, verhält sich leise und bescheiden, hat dabei stets ein Lächeln auf den Lippen. Dieses schon drückt wenn nicht Überheblichkeit so doch Überlegenheit aus. Sein Charisma verleibt die Gegner ein, weckt Hoffnung, steckt an. Seine Verbal-Rhetorik ist gleichsam von messerscharfer Professionalität – fehlerfrei.
Der Spagat, einerseits auf die Trommel zu hauen, andererseits die Harfe zu zupfen, ist ihm bislang gelungen. Fraglich ist, wie lange er die Tonart solch unterschiedlicher Instrumente bei simultaner Spielweise halten kann. Vor allem dann, wenn sich dem Spiel die Erwartungen des Publikums zugesellen. Es heißt, er könne die Erwartungen an ihn nicht erfüllen. Nun, ein Messias zu sein, dürfte wahrlich nicht jeder "Mann" gelingen. Er kann den Klimawandel nicht aufhalten, die Bankenkrise nicht umkehren, die islamische Welt nicht bekehren. Aber wenn man ihm eines zugesteht, dann wird er seinen rhetorischen Zeichen auch realistische Taten folgen lassen: einfach nur ein Mensch zu sein.

Mittwoch, 25. Februar 2009

Zeitungen im Wandel der Zeit

Die Zeitungsbranche befindet sich im größten Umbruch aller Zeiten. Zahlreiche Redakteure werden entlassen, sogar Lokalredaktionen müssen schließen. Selbst die renommierte WAZ-Mediengruppe hat eine Redaktion eingestampft. 32 Millionen Euro sollen eingespart werden, 300 Mitarbeiter müssen gehen, meldet das Journalisten-Portal newsroom. Demnach müssen sich auch alle fest angestellten Fotografen selbständig machen. Und auch Magazine mit großem Namen wie beispielsweise „Vanity Fair“ bleiben nicht verschont und werden eingestellt. Was ist da los, fragt man sich in diesen Tagen. Schwappt die Wirtschaftskrise auf die eh schon gebeutelte Zeitungsbranche über? Deutsche Traditionsunternehmen wie Märklin und Schiesser stehen bereits vor dem aus, Opel vor einer ungewissen Zukunft, die selbst Bund („Franky“ Steinmeier) und Länder („Anchorman“ Rüttgers) spaltet und Banken werden enteignet und unter staatliche Kontrolle gestellt. Folgerichtig also, dass angesichts dieser disaströsen Lage auch die Medienbranche nicht verschont bleibt. Was die Zeitungsbranche und auch TV-Sender langsam erkennen, haben Buchverlage längst für sich entdeckt. Das Internet, respektive Web n.0. hat sich selbst ein Traditionsverlag wie Suhrkamp schon zu Nutze gemacht. Fortan werden seltene Werke und Fachbücher nicht mehr zu Ladenhütern sondern je nach Bedarf gedruckt (Print on Demand). Druck- und Werbekosten werden auf Sparflamme gehalten, der Ertrag kann dabei sehr hoch ausfallen, und tut er das nicht, ist es auch nicht schlimm.

Es ist zweifellos die Online-Branche, die nicht nur für die Defizite der Printbranche mitverantwortlich ist, sondern die sie auch wieder ausgleichen kann. Voraussetzung ist, dass man Onlinemedien richtig einzusetzen weiß. Auf dem zehnten European Newspaper Congress, der vom 26.-28. in Wien stattfindet (übrigens zwei Tage vor dem Tag des geistigen Eigentums) und auf dem sich Journalisten- und Designergrößen tummeln werden, wird genau darüber diskutiert werden müssen. Fest steht schon jetzt, dass sich nicht nur das Format von Zeitungen ändern, sondern auch der Journalismus einen grundlegenden Wandel erfahren wird. Zukünftig soll Schönmalerei durch Inhalte ersetzt werden, sollen sich Journalisten auf das Wesentliche konzentrieren, Nachrichtenwerte abwägen, informative Nutzwerte hinterfragen. Die erste Trainee-Stelle für Verbraucher-Journalisten wird zum vierten Mal von der Verbraucherzentrale des Bundes in Berlin angeboten und sie weist in die Richtung, in die es gehen wird: Journalismus als Dienstleistung am Verbraucher. Fakten, News, Hintergründe. Mehr nicht. Diese Strategie kann Vor- und Nachteile haben, auf jeden Fall führt sie zu Platzersparnissen. Ressourcenschonender Journalismus heißt, themenspezifisch zu schreiben. Sich vom Globalanspruch einer Tageszeitung zu lösen. So ist wahrscheinlich, dass nicht nur vermehrt Spartenzeitschriften online angeboten werden. Denkbar wäre auch, dass Nutzer zukünftig ihre Informationen selbst zusammenstellen können. Nach dem digitalen Cut & Paste-Prinzip könnte jeder Leser seine persönliche „lesergenerierte“ Zeitung kreieren. Im Web ist die persönliche Gestaltung von Startseiten durch gezielte Newsselektion längst Standart. Vor allem Weblogs sind nicht nur ein gesellschaftliches Sprachrohr zwischen Revolte und Demokratisierung, sie dienen auch der Selektion von Informationen und ordnen sie durch Kommentarfunktionen bisweilen sogar in einen größeren Kontext ein. Und sie machen das, was ein Synonym für Medienkultur im 21. Jahrhundert wird: Sie wandeln jeden passiven Nutzer in einen aktiven Nutzer, einen digitalen Autor. So wird auch der Printleser der Zukunft gefordert und mehr und mehr in den Selektionsprozess eingebunden. Zweifellos scheint Online das Gebot der Stunde zu sein. Und wenn es ganz gut läuft, dann spielt es sich wieder zurück: Diese Woche brachte die Internetzeitschrift „Telepolis“ erneut eine Ausgabe ihres Zukunftspecials an die deutschen Kioske. Der Heise-Verlag zeigt wie es geht. Und er tut es deshalb, weil er seit Anbeginn des Netzes ein Teil von ihm war. Ein derartiges Medienbewusstsein müssen sich die traditionellen Medien erst noch erarbeiten. Für den Brockhaus-Verlag steht indes schon fest: Seine Kult-Enzyklopädie gibt es fortan nur noch im Netz.

Web 2.0 + Pornografie = Schöne neue Medienwelt

Die deutsche Rechtssprechung kennt ab sofort eine neue Vokabel, die da lautet „Jugendpornografie“. Als hätte es nicht schon gereicht, dass junge Verliebte keine Fotos mehr von sich schießen dürfen ohne dafür wegen „Besitz (oder gar Verbreitung) kinderpornografischer Schriften angeklagt zu werden (Link), fahren jetzt die Gesetzeshüter noch schärfere Geschütze auf. Von nun an soll auch der Besitz von Abbildungen, auf denen die dargestellten Personen lediglich jugendlich aussehen, unter Strafe gestellt werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Personen volljährig sind oder nicht. Auch Darstellungen mit sogenannten „Scheinminderjährigen“, also Personen, die dem Alter nach das 18. Lebensjahr erreicht haben, aber äußerlich minderjährig aussehen, fallen unter das neue Gesetz. Die Neuregelung geht auf einen EU-Rahmenbeschluss aus dem Jahr 2003 zur Bekämpfung der sexuellen Ausbeutung von Kindern und Kinderpornografie zurück. Nicht nur Darstellungen, die ein „wirklichkeitsnahes Geschehen“ zeigen, sondern auch ein „fiktives Geschehen“ wiedergeben, könnten also künftig Strafbestand werden.
Bis hier hin weitestgehend undiskutabel. Gerade in Zeiten des „user generated content“, in denen mittels einfacher Digitaltechnik in Handys und Camcordern Nutzer selbst Bilder an jedem Ort und zu jeder Zeit selbst entwickeln können und im Internet gerne öffentlich zur Schau stellen, scheint eine Gesetzanpassung an die Wirklichkeit geboten. Wirft man jedoch einen Blick in die mediale Wirklichkeit, so ist es offenkundig, dass es viel mehr einem veränderten „medienpornografischen Bewusstseins“ von Seiten der Medienmacher bedarf als einer Kriminalisierung von Jugendlichen. Denn genau die sind im Visier des neuen Gesetztes zur Jugendpornografie, denn sie sollen vor Nachahmungstaten quasi vor sich selbst geschützt werden. Angesichts der nicht aufhaltbar scheinenden Pornografisierung der Medien scheint dieses probate Ziel selbst eher „wirklichkeitsfiktiv“ als „wirklichkeitsnah“. Castingshows propagieren das Diktum „Sex sells“, Gruppen in Studivz halten von sexuell motiviertem Bildertausch bis hin zur „Bilderveredelung“ allerlei Perversionen bereit und Kinofilme wie „Sex and the City“ warten nicht nur mit höchst anzüglichen Sprüchen auf, sondern schrecken auch vor Genitaldarstellungen – bei einer Altersfreigabe von 12 Jahren! – nicht zurück. All das sollte Anlass geben, über die Medienehtik nachzudenken, anstatt die Gesellschaft derart fahrlässig und in diesem Fall völlig „unvermittelt“ zu verunsichern.
Die Judikative sollte erkennen: Kinder und auch Jugendliche müssen nicht vor sich selbst geschützt werden, sondern vor einer medialen Pornografie-Bagatellisierung. Freizügigkeit im TV scheint nicht mehr nur geduldet sondern schlichtweg verlangt zu werden. Wenn sich zu diesem Umstand auch noch die immer frühere körperliche Entwicklung von Jugendlichen gesellt bei immer einfacher zu handhabenden Fotoausrüstungen, dann entsteht ein schwieriges und risikobehaftetes Konglomerat, dem nur über eine gesellschaftliche Bewusstseinsveränderung Einheit geboten werden kann. Dass sich diese Aufgabe als einen langen und fortwährenden Prozess ausnimmt, ist selbstverständlich. Aber diese Herausforderung an eine neue Medienethik und Medientechnik ist keine Entschuldigung für unreflektierte, fast panische Freiheitsbeschneidungen von Seiten der Gesetzgebung.
Und die neue Gesetzeswelle schwappt auch bis nach Großbritannien über. Dort gibt es ab dem 26. Januar den gesetzlich verankerten Schutz vor sogenannter „extremer Pornografie“. Wie aber diese Termini einheitlich und sachgerecht definiert werden, hängt wie auch im Fall der Jugendpornografie vom persönlichen Ermessen der Richter, oder wie im Fall Großbritanniens, der Geschworenen ab.
"Extrem" beinhaltet nach Abschnitt 63 Absatz 7 Handlungen, die das Leben einer Person gefährden. Die Darstellungen müssen „in grober Weise anstößig, abstoßend oder anderweitig unzüchtigem Charakter sein“, so das Gesetz. Dabei sind Worte wie „vernünftig“ und „anstößig“ in den Gesetzestext aufgenommen, die nicht nur Interpretationsspielraum lassen, sondern auch über individuelle Neigungen urteilen und damit alles „Unnormale“, jede Perversion geißeln. Nicht bestraft wird zwar derjenige, der die Dateien von seinem Rechner gelöscht hat. „Löschung“ ist aber nur dann gewährleistet, wenn die Dateien nicht wieder hergestellt werden können. Besonders IT-Fachleute scheinen von diesem Passus benachteiligt zu sein, weil sie über Kenntnisse verfügen, auch gelöschte Daten wiederherstellen zu können. Ein weiterer bedenklicher Passus sieht vor, dass Werke, die vom British Board of Film Classification (BBFC) als unbedenklich eingestuft worden, weiterhin erlaubt sind – jedoch nur als Ganzes. Einzelne Ausschnitte wie etwa die Vergewaltigungsszenen aus Filmen wie etwas Stanley Kubricks „Clockwork Orange“ oder Alfred Hitchcocks „Frenzy“ könnten also künftig unter Strafe stehen. Der Besitz solcher extrem pornografischen Schriften, die die Unversehrtheit des menschlichen Lebens beeinträchtigen, kann mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft werden. In Deutschland und in Großbritannien sollte zukünftig also das Surfverhalten äußerst bedacht vollzogen werden, um „extreme“ Überraschungen von Seiten der Gesetzeshüter zu vermeiden. Schöne neue Medienwelt.

Montag, 26. Januar 2009

Harald Schmidt und der Sieg des Scheiterns

Im April ist es soweit. Dann trennen sich Harald Schmidt und Oliver Pocher, wird aus Schmidt & Pocher Schmidt ohne Pocher. Und dann wird es wieder schwierig. Dann nämlich wird Schmidt nicht mehr an seinem „Einheizer“ Pocher gemessen, sondern einzig und allein an seinem härtesten Konkurrenten: sich selbst. Schmidts Ansprüche an die eigene Person waren immer hoch, und sie sind es immer noch. Er ist viel zu eitel, viel zu selbstverliebt, als dass er sich gehen ließe. Zugegeben, auf Perfektion hat der Conferencier zunehmend verzichtet, es nicht mehr allzu genau zu nehmen, ist Teil seiner Reife. So manche Faux Pax´s der letzten „Staffel“ gingen auf Pochers Rechnung, doch längst nicht alle. Und für alle, die es bis heute nicht verstanden haben: Die vermeintlichen Schwächen der Sendung waren ihre Stärken. Das Prinzip von Harald Schmidt war sei je her eben nicht das der Perfektion, sondern ihre Negation, ihre Umkehrung. Die Dialektik einer TV-Show, die wahrlich bis heute ein Phänomen geblieben ist, besteht in der permanenten Selbstthematisierung und Ironisierung. Das ist der wahre Grund, warum Oliver Pocher für den Fortbestand der Sendung so unverzichtbar war. Er stellte die Sendung in Frage, gab Anlass, die Show sich selbst Preis zu geben, von ihr selbst Zeugnis abzulegen, sich selbst von sich selbst zu überzeugen. Oliver Pocher transzendierte Harald Schmidt und war ebenso für seine menschliche Rückverwandlung unabdingbar. Mit Pocher startete die Sendung eine Reise ins Innere, ins „Ich“ der Produktionsfirma Kogel & Schmidt GmbH.

Ab April wird Harald Schmidt zurückkehren und hoffentlich aus der Pocherschen Spiegelung gelernt haben. Jetzt schon ist klar, wie das Prinzip „Spiegelung“ fortgeführt wird: nämlich in der ständigen Thematisierung des Nicht-Pochers. Die Abwesenheit Pochers und die Rückbesinnung auf den kleines Kreis der Vertrauten wird dann das Familiäre – ja Elitäre – der Show wieder auf das Programm, wieder ins Gedächtnis der Vergessenden rufen. Es wird eine Weile nur Schmidt sein, der als Anchorman stilisiert wird – das deuten jetzt schon die Programmdirektoren an, wenn sie Schmidts Potenzial nach Pocher nun voll ausschöpfen wollen. Dann wird die Kunstfigur noch überhöht und weiter potenziert werden. Und dann wird man erkennen, entweder, dass hinter ihr nichts weiter steckt, als ein ausgeklügeltes System, das weder persönliche Intelligenz noch Emotionalität kennt – was zu Schmidts Verpuffung führen könnte, oder dass er gar unterschätzt wurde und im Medium Fernsehen gänzlich am falschen Ort ist. In beiden Fällen also ist das Vorhaben, Schmidt zu positionieren zum Scheitern verurteilt. Damit die Sendung weiterhin funktioniert, braucht es die Projektionsfläche, die immer schon gegeben war. Es war die Familienetablierung um Manuel Andrack, Helmut Zerlett, Madame Nathalie und Co., die Schmidt immer die wichtige Projektions- und Absonderungsfläche boten. Nicht abwegig also, dass es zur Wiederbelebung von Manuel Andrack kommt. „Back to the roots“ wird dann das Motto lauten. Mit dem ganz entscheidenden Zusatz: Jetzt erst recht. Die Sendung ist dann nicht vorbei. Im Gegenteil: Sie steht dann erst am Anfang nach einer langen Reise der Selbstfindung. Dann – so wird zumindest die Strategie lauten – wird endlich das gemacht, was lange ausprobiert, gewollt aber doch wieder verworfen werden musste, weil die Zeit für Polenwitze vorbei, oder die Zeit für Pocher gekommen war. „Harald Schmidt“ ist und bleibt das dialektische Moment der Fernsehgeschichte: Im Scheitern siegt das System!

Sonntag, 21. Dezember 2008

Nachtrag: Polylog als Epilog

Nachtrag: Nach dem Aus für MTV folgt also nun auch das aus von Polylux. Auch MTV stand für Pop-, Sub- und Jugendkultur. Doch im Unterschied zu Polylux hat MTV kulturelle Randbereiche geprägt. Was bei MTV Ästhetisierung, Ausdruck, Protest und Unabhängigkeit war, wich bei Polylux der Fetischisierung und Ironisierung der eigenen Inhalte und nicht zuletzt der eigenen Sendung. MTV lebt als YouTube weiter. Die Gesellschaft behält ein wichtiges Ausdrucksmittel in der Hand. Auch die Sendung Polylux bleibt ihrer Fangemeinde auf Polylog.tv erhalten. Polylog ist damit der Epilog einer ziemlich belanglosen Geschichte.