Mittwoch, 25. Februar 2009

Zeitungen im Wandel der Zeit

Die Zeitungsbranche befindet sich im größten Umbruch aller Zeiten. Zahlreiche Redakteure werden entlassen, sogar Lokalredaktionen müssen schließen. Selbst die renommierte WAZ-Mediengruppe hat eine Redaktion eingestampft. 32 Millionen Euro sollen eingespart werden, 300 Mitarbeiter müssen gehen, meldet das Journalisten-Portal newsroom. Demnach müssen sich auch alle fest angestellten Fotografen selbständig machen. Und auch Magazine mit großem Namen wie beispielsweise „Vanity Fair“ bleiben nicht verschont und werden eingestellt. Was ist da los, fragt man sich in diesen Tagen. Schwappt die Wirtschaftskrise auf die eh schon gebeutelte Zeitungsbranche über? Deutsche Traditionsunternehmen wie Märklin und Schiesser stehen bereits vor dem aus, Opel vor einer ungewissen Zukunft, die selbst Bund („Franky“ Steinmeier) und Länder („Anchorman“ Rüttgers) spaltet und Banken werden enteignet und unter staatliche Kontrolle gestellt. Folgerichtig also, dass angesichts dieser disaströsen Lage auch die Medienbranche nicht verschont bleibt. Was die Zeitungsbranche und auch TV-Sender langsam erkennen, haben Buchverlage längst für sich entdeckt. Das Internet, respektive Web n.0. hat sich selbst ein Traditionsverlag wie Suhrkamp schon zu Nutze gemacht. Fortan werden seltene Werke und Fachbücher nicht mehr zu Ladenhütern sondern je nach Bedarf gedruckt (Print on Demand). Druck- und Werbekosten werden auf Sparflamme gehalten, der Ertrag kann dabei sehr hoch ausfallen, und tut er das nicht, ist es auch nicht schlimm.

Es ist zweifellos die Online-Branche, die nicht nur für die Defizite der Printbranche mitverantwortlich ist, sondern die sie auch wieder ausgleichen kann. Voraussetzung ist, dass man Onlinemedien richtig einzusetzen weiß. Auf dem zehnten European Newspaper Congress, der vom 26.-28. in Wien stattfindet (übrigens zwei Tage vor dem Tag des geistigen Eigentums) und auf dem sich Journalisten- und Designergrößen tummeln werden, wird genau darüber diskutiert werden müssen. Fest steht schon jetzt, dass sich nicht nur das Format von Zeitungen ändern, sondern auch der Journalismus einen grundlegenden Wandel erfahren wird. Zukünftig soll Schönmalerei durch Inhalte ersetzt werden, sollen sich Journalisten auf das Wesentliche konzentrieren, Nachrichtenwerte abwägen, informative Nutzwerte hinterfragen. Die erste Trainee-Stelle für Verbraucher-Journalisten wird zum vierten Mal von der Verbraucherzentrale des Bundes in Berlin angeboten und sie weist in die Richtung, in die es gehen wird: Journalismus als Dienstleistung am Verbraucher. Fakten, News, Hintergründe. Mehr nicht. Diese Strategie kann Vor- und Nachteile haben, auf jeden Fall führt sie zu Platzersparnissen. Ressourcenschonender Journalismus heißt, themenspezifisch zu schreiben. Sich vom Globalanspruch einer Tageszeitung zu lösen. So ist wahrscheinlich, dass nicht nur vermehrt Spartenzeitschriften online angeboten werden. Denkbar wäre auch, dass Nutzer zukünftig ihre Informationen selbst zusammenstellen können. Nach dem digitalen Cut & Paste-Prinzip könnte jeder Leser seine persönliche „lesergenerierte“ Zeitung kreieren. Im Web ist die persönliche Gestaltung von Startseiten durch gezielte Newsselektion längst Standart. Vor allem Weblogs sind nicht nur ein gesellschaftliches Sprachrohr zwischen Revolte und Demokratisierung, sie dienen auch der Selektion von Informationen und ordnen sie durch Kommentarfunktionen bisweilen sogar in einen größeren Kontext ein. Und sie machen das, was ein Synonym für Medienkultur im 21. Jahrhundert wird: Sie wandeln jeden passiven Nutzer in einen aktiven Nutzer, einen digitalen Autor. So wird auch der Printleser der Zukunft gefordert und mehr und mehr in den Selektionsprozess eingebunden. Zweifellos scheint Online das Gebot der Stunde zu sein. Und wenn es ganz gut läuft, dann spielt es sich wieder zurück: Diese Woche brachte die Internetzeitschrift „Telepolis“ erneut eine Ausgabe ihres Zukunftspecials an die deutschen Kioske. Der Heise-Verlag zeigt wie es geht. Und er tut es deshalb, weil er seit Anbeginn des Netzes ein Teil von ihm war. Ein derartiges Medienbewusstsein müssen sich die traditionellen Medien erst noch erarbeiten. Für den Brockhaus-Verlag steht indes schon fest: Seine Kult-Enzyklopädie gibt es fortan nur noch im Netz.

Web 2.0 + Pornografie = Schöne neue Medienwelt

Die deutsche Rechtssprechung kennt ab sofort eine neue Vokabel, die da lautet „Jugendpornografie“. Als hätte es nicht schon gereicht, dass junge Verliebte keine Fotos mehr von sich schießen dürfen ohne dafür wegen „Besitz (oder gar Verbreitung) kinderpornografischer Schriften angeklagt zu werden (Link), fahren jetzt die Gesetzeshüter noch schärfere Geschütze auf. Von nun an soll auch der Besitz von Abbildungen, auf denen die dargestellten Personen lediglich jugendlich aussehen, unter Strafe gestellt werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Personen volljährig sind oder nicht. Auch Darstellungen mit sogenannten „Scheinminderjährigen“, also Personen, die dem Alter nach das 18. Lebensjahr erreicht haben, aber äußerlich minderjährig aussehen, fallen unter das neue Gesetz. Die Neuregelung geht auf einen EU-Rahmenbeschluss aus dem Jahr 2003 zur Bekämpfung der sexuellen Ausbeutung von Kindern und Kinderpornografie zurück. Nicht nur Darstellungen, die ein „wirklichkeitsnahes Geschehen“ zeigen, sondern auch ein „fiktives Geschehen“ wiedergeben, könnten also künftig Strafbestand werden.
Bis hier hin weitestgehend undiskutabel. Gerade in Zeiten des „user generated content“, in denen mittels einfacher Digitaltechnik in Handys und Camcordern Nutzer selbst Bilder an jedem Ort und zu jeder Zeit selbst entwickeln können und im Internet gerne öffentlich zur Schau stellen, scheint eine Gesetzanpassung an die Wirklichkeit geboten. Wirft man jedoch einen Blick in die mediale Wirklichkeit, so ist es offenkundig, dass es viel mehr einem veränderten „medienpornografischen Bewusstseins“ von Seiten der Medienmacher bedarf als einer Kriminalisierung von Jugendlichen. Denn genau die sind im Visier des neuen Gesetztes zur Jugendpornografie, denn sie sollen vor Nachahmungstaten quasi vor sich selbst geschützt werden. Angesichts der nicht aufhaltbar scheinenden Pornografisierung der Medien scheint dieses probate Ziel selbst eher „wirklichkeitsfiktiv“ als „wirklichkeitsnah“. Castingshows propagieren das Diktum „Sex sells“, Gruppen in Studivz halten von sexuell motiviertem Bildertausch bis hin zur „Bilderveredelung“ allerlei Perversionen bereit und Kinofilme wie „Sex and the City“ warten nicht nur mit höchst anzüglichen Sprüchen auf, sondern schrecken auch vor Genitaldarstellungen – bei einer Altersfreigabe von 12 Jahren! – nicht zurück. All das sollte Anlass geben, über die Medienehtik nachzudenken, anstatt die Gesellschaft derart fahrlässig und in diesem Fall völlig „unvermittelt“ zu verunsichern.
Die Judikative sollte erkennen: Kinder und auch Jugendliche müssen nicht vor sich selbst geschützt werden, sondern vor einer medialen Pornografie-Bagatellisierung. Freizügigkeit im TV scheint nicht mehr nur geduldet sondern schlichtweg verlangt zu werden. Wenn sich zu diesem Umstand auch noch die immer frühere körperliche Entwicklung von Jugendlichen gesellt bei immer einfacher zu handhabenden Fotoausrüstungen, dann entsteht ein schwieriges und risikobehaftetes Konglomerat, dem nur über eine gesellschaftliche Bewusstseinsveränderung Einheit geboten werden kann. Dass sich diese Aufgabe als einen langen und fortwährenden Prozess ausnimmt, ist selbstverständlich. Aber diese Herausforderung an eine neue Medienethik und Medientechnik ist keine Entschuldigung für unreflektierte, fast panische Freiheitsbeschneidungen von Seiten der Gesetzgebung.
Und die neue Gesetzeswelle schwappt auch bis nach Großbritannien über. Dort gibt es ab dem 26. Januar den gesetzlich verankerten Schutz vor sogenannter „extremer Pornografie“. Wie aber diese Termini einheitlich und sachgerecht definiert werden, hängt wie auch im Fall der Jugendpornografie vom persönlichen Ermessen der Richter, oder wie im Fall Großbritanniens, der Geschworenen ab.
"Extrem" beinhaltet nach Abschnitt 63 Absatz 7 Handlungen, die das Leben einer Person gefährden. Die Darstellungen müssen „in grober Weise anstößig, abstoßend oder anderweitig unzüchtigem Charakter sein“, so das Gesetz. Dabei sind Worte wie „vernünftig“ und „anstößig“ in den Gesetzestext aufgenommen, die nicht nur Interpretationsspielraum lassen, sondern auch über individuelle Neigungen urteilen und damit alles „Unnormale“, jede Perversion geißeln. Nicht bestraft wird zwar derjenige, der die Dateien von seinem Rechner gelöscht hat. „Löschung“ ist aber nur dann gewährleistet, wenn die Dateien nicht wieder hergestellt werden können. Besonders IT-Fachleute scheinen von diesem Passus benachteiligt zu sein, weil sie über Kenntnisse verfügen, auch gelöschte Daten wiederherstellen zu können. Ein weiterer bedenklicher Passus sieht vor, dass Werke, die vom British Board of Film Classification (BBFC) als unbedenklich eingestuft worden, weiterhin erlaubt sind – jedoch nur als Ganzes. Einzelne Ausschnitte wie etwa die Vergewaltigungsszenen aus Filmen wie etwas Stanley Kubricks „Clockwork Orange“ oder Alfred Hitchcocks „Frenzy“ könnten also künftig unter Strafe stehen. Der Besitz solcher extrem pornografischen Schriften, die die Unversehrtheit des menschlichen Lebens beeinträchtigen, kann mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft werden. In Deutschland und in Großbritannien sollte zukünftig also das Surfverhalten äußerst bedacht vollzogen werden, um „extreme“ Überraschungen von Seiten der Gesetzeshüter zu vermeiden. Schöne neue Medienwelt.

Montag, 26. Januar 2009

Harald Schmidt und der Sieg des Scheiterns

Im April ist es soweit. Dann trennen sich Harald Schmidt und Oliver Pocher, wird aus Schmidt & Pocher Schmidt ohne Pocher. Und dann wird es wieder schwierig. Dann nämlich wird Schmidt nicht mehr an seinem „Einheizer“ Pocher gemessen, sondern einzig und allein an seinem härtesten Konkurrenten: sich selbst. Schmidts Ansprüche an die eigene Person waren immer hoch, und sie sind es immer noch. Er ist viel zu eitel, viel zu selbstverliebt, als dass er sich gehen ließe. Zugegeben, auf Perfektion hat der Conferencier zunehmend verzichtet, es nicht mehr allzu genau zu nehmen, ist Teil seiner Reife. So manche Faux Pax´s der letzten „Staffel“ gingen auf Pochers Rechnung, doch längst nicht alle. Und für alle, die es bis heute nicht verstanden haben: Die vermeintlichen Schwächen der Sendung waren ihre Stärken. Das Prinzip von Harald Schmidt war sei je her eben nicht das der Perfektion, sondern ihre Negation, ihre Umkehrung. Die Dialektik einer TV-Show, die wahrlich bis heute ein Phänomen geblieben ist, besteht in der permanenten Selbstthematisierung und Ironisierung. Das ist der wahre Grund, warum Oliver Pocher für den Fortbestand der Sendung so unverzichtbar war. Er stellte die Sendung in Frage, gab Anlass, die Show sich selbst Preis zu geben, von ihr selbst Zeugnis abzulegen, sich selbst von sich selbst zu überzeugen. Oliver Pocher transzendierte Harald Schmidt und war ebenso für seine menschliche Rückverwandlung unabdingbar. Mit Pocher startete die Sendung eine Reise ins Innere, ins „Ich“ der Produktionsfirma Kogel & Schmidt GmbH.

Ab April wird Harald Schmidt zurückkehren und hoffentlich aus der Pocherschen Spiegelung gelernt haben. Jetzt schon ist klar, wie das Prinzip „Spiegelung“ fortgeführt wird: nämlich in der ständigen Thematisierung des Nicht-Pochers. Die Abwesenheit Pochers und die Rückbesinnung auf den kleines Kreis der Vertrauten wird dann das Familiäre – ja Elitäre – der Show wieder auf das Programm, wieder ins Gedächtnis der Vergessenden rufen. Es wird eine Weile nur Schmidt sein, der als Anchorman stilisiert wird – das deuten jetzt schon die Programmdirektoren an, wenn sie Schmidts Potenzial nach Pocher nun voll ausschöpfen wollen. Dann wird die Kunstfigur noch überhöht und weiter potenziert werden. Und dann wird man erkennen, entweder, dass hinter ihr nichts weiter steckt, als ein ausgeklügeltes System, das weder persönliche Intelligenz noch Emotionalität kennt – was zu Schmidts Verpuffung führen könnte, oder dass er gar unterschätzt wurde und im Medium Fernsehen gänzlich am falschen Ort ist. In beiden Fällen also ist das Vorhaben, Schmidt zu positionieren zum Scheitern verurteilt. Damit die Sendung weiterhin funktioniert, braucht es die Projektionsfläche, die immer schon gegeben war. Es war die Familienetablierung um Manuel Andrack, Helmut Zerlett, Madame Nathalie und Co., die Schmidt immer die wichtige Projektions- und Absonderungsfläche boten. Nicht abwegig also, dass es zur Wiederbelebung von Manuel Andrack kommt. „Back to the roots“ wird dann das Motto lauten. Mit dem ganz entscheidenden Zusatz: Jetzt erst recht. Die Sendung ist dann nicht vorbei. Im Gegenteil: Sie steht dann erst am Anfang nach einer langen Reise der Selbstfindung. Dann – so wird zumindest die Strategie lauten – wird endlich das gemacht, was lange ausprobiert, gewollt aber doch wieder verworfen werden musste, weil die Zeit für Polenwitze vorbei, oder die Zeit für Pocher gekommen war. „Harald Schmidt“ ist und bleibt das dialektische Moment der Fernsehgeschichte: Im Scheitern siegt das System!

Sonntag, 21. Dezember 2008

Nachtrag: Polylog als Epilog

Nachtrag: Nach dem Aus für MTV folgt also nun auch das aus von Polylux. Auch MTV stand für Pop-, Sub- und Jugendkultur. Doch im Unterschied zu Polylux hat MTV kulturelle Randbereiche geprägt. Was bei MTV Ästhetisierung, Ausdruck, Protest und Unabhängigkeit war, wich bei Polylux der Fetischisierung und Ironisierung der eigenen Inhalte und nicht zuletzt der eigenen Sendung. MTV lebt als YouTube weiter. Die Gesellschaft behält ein wichtiges Ausdrucksmittel in der Hand. Auch die Sendung Polylux bleibt ihrer Fangemeinde auf Polylog.tv erhalten. Polylog ist damit der Epilog einer ziemlich belanglosen Geschichte.

Bye Bye Polylux: Besser ein Ende mit Schrecken

12 Jahre lang wurde Polylux auf die Menschheit, falsch: die „Gesellschaft“ losgelassen, jetzt ist auch die letzte Ausgabe endlich abgelaufen. „Gesellschaft“ - das kleine Wörtchen der großen Bedeutung wurde in der kleinen Sendung mit kleiner Bedeutung so häufig gebraucht wie frisch gedruckte Zeitungen in Briefkästen gesteckt werden: In jeder Sendung ein Haufen mal. An dieser Stelle sollen Bourdieu bis Luhmann nicht mit erhobenem Zeigefinger herangezogen werden, schauen wir lieber in die Polylux-Praxis. Was dem Zuschauer dort unglaubliche 12 Jahre lang als „Gesellschaft“ verkauft wurde, war in den Augen derer, die überhaupt noch Kritik an dem kleinen „Kulturmagazin“ geübt haben, nichts anderes als eine einzige Freakshow. Die Sendung war eine Randgruppenbeleuchtung unter dem Deckmantel einer „Kultursendung“, deren Zielgruppe aus Voyeuren und Gelangweilten gleichermaßen bestanden haben muss. Anders lässt sich das Interesse an „Objektophilen“, „Jumpstylern“, „Downshiftern“ und anderen Weltverklärern und Misanthropen nicht erklären. Da hilft es auch nicht – gnadenlos leichtfertig und ohne Unterscheidung - von Sub-, Pop- oder Jugendkultur zu sprechen. Die Beiträge folgten seit 12 Jahren den Kriterien „Aktualität und Relevanz“, ließ Titta von Hardenberg von sich selbst überzeugt in der letzten Sendung verlauten. Braucht es wirklich Polylux, um zu erfahren, dass viele Pizzerien in Berlin nicht von Italienern, sondern von Albanern oder Türken geführt werden, die versuchen die italienische Mentalität gegen ihre eigene Identität einzutauschen? Soll man als Zuschauer etwa honorieren, dass die Sendung dem albanischen Italiener Hassan zu Ruhm und Ehre verholfen hat, dass RTL und ZDF dem Aufruf nach „Aktualität und Relevanz“ gefolgt sind und den feurigen Albaner per Mini-Werbeauftritt zum „Fernsehstar“ katapultiert haben? Naja, da das Wort „Star“ im deutschen Fernsehen keine Bedeutung mehr hat, ist der Ausdruck immerhin gerechtfertigt, wobei ihm zum Bauern und Hartz-IV-Empfänger wohl noch einiges fehlen dürfte.

Grünenpolitikerin Renate Künast outete sich als „Polylux-Fan“, wenngleich sie eigentlich keine Beiträge verstehe. Die dargestellten Menschen hätten alle eine „Umdrehung zu viel“, aber, so zeige die Sendung, hätte schließlich jeder mal eine „Umdrehung zu viel“. Immerhin schließt sich die Grüne Powerfrau selbst mit ein.

Polylux: Gesellschaftskritik auf die feine Art. Obwohl: Sich gegenseitig mit Stühlen umzuhauen, hat mit Subtilität nicht viel gemein. „Happy Slapping“ ist bitterer Ernst in deutschen Schulen und braucht wohl alles andere als eine Kulturstilisierung (wenn auch in Form von Stühle-Wrestling). Die Welt hat viele Freaks, und das wissen nicht nur aufgeklärte Intellektuelle – spätestens seit Domian (und da darf und soll es bleiben). Ob es für die Aufklärung wirklich Polylux bedarf, lässt sich in Zweifel ziehen. Sich über das philosophische Quartett lustig zu machen ist unklug, da hilft auch nicht der Versuch, darüber Selbstkritik und Selbstironie gleich mit zu transportieren.

Im Anschluss an die Sendung Harald Schmidt übt man sich seit eh und je in nicht erreichbarer Selbstreferenz. Das eigene Outing, selbst zur Randgruppe des guten (oder schlechten?) Geschmacks zu zählen, bleibt aus, stattdessen propagiert Powerfrau Titta ihre Sendung als Ausnahme im deutschen Fernsehen und verwechselt eine Ausnahmeerscheinung fälschlicherweise mit einem Ausnahmezustand. Als sie sich am Ende ihrer Sendung selbst abmoderieren muss, sich also von sich selbst verabschieden muss, empfindet man fast Mitleid, aber als der zugegeben etwas benachteiligte Volksrepräsentant- und kommentator (Name entfallen) der Moderatorin und Mutter einen Blumenstrauß zum Abschied überreicht, wird aus Mitleid Scham. Und nach vielen zweifelhaften und getürkten Beiträgen aus der „Szene“ zieht die ARD nun endlich die Notbremse. Aus für Polylux. Bleibt zu hoffen, dass man sich jetzt umgehend den Kriterien „Aktualität und Relevanz“ widmet – und nicht mehr über eine Randgruppengesellschaft lästert, sondern für eine ausdifferenzierte Gesellschaft berichtet. Nicht mehr Dissidenten denunziert, sondern Interessenten informiert. Nicht mehr sich selbst fetischisiert und ironisiert, sondern schlichtweg Ernst nimmt.

Dienstag, 9. Dezember 2008

Die Jahresrückblicke 2008 - von Durchblick keine Spur

Da lehnt der gute Reich-Ranicki noch vor wenigen Wochen den Fernsehpreis mit großer Medienwirkung ab und tut dann doch nichts anderes als an seiner eigenen Unglaubwürdigkeit, seiner Negation (s.u.) arbeiten: In der Sendung „Menschen 2008“, im ZDF von Kerner moderiert, rezensierte er – wenn auch auf die Schnelle, und lediglich per Videoübertragung – das aufsehenerregenste Buch des Jahres: Charlotte Roches Feuchtgebiete. Dass dieses Buch weder Literatur noch lesenswert ist, dafür braucht es natürlich keinen Reich-Ranicki. Dass aber die Medienmacher immer noch die Oberhand gegenüber allen Kritikern haben, für dieses Diktum brauchte es ihn sehr wohl. Mit beispielloser Prägnanz übte sich das Massenmedium „ZDF“ in der Einverleibung vom derzeit größten Fernsehkritiker, statt ihn selbst zu kritisieren. Und so durfte der Oberschichtenmann das Unterschichtenbuch – Kerner verglich den Roman mit der Wirkung der Bildzeitung, was sie gar nicht gerne hörte – rezensieren, so als ob er das Buch eines Kindes rezensieren würde. Und die Kritik eines von Kinderhänden geschriebenen Buches wäre wohl besser ausgefallen. Das Buch sei nicht mal der Rede wert, und auch das nächste Buch werde er nicht lesen, dafür hätte er keine Zeit, ließ er über die Leinwand verlauten. Wenn aber das ZDF bei Reich-Ranicki anruft, um ihn für die Sonntagabend-Primetime-Unterhaltung vor Massenpublikum zu gewinnen, dann kann man schon mal über die Ablehnung des Fernsehpreises – die symbolisierte Kommerzialisierungskritik – hinwegsehen. Zu dumm, dass er damit seine eigene Haltung gegenüber dem Fernsehen wieder einmal ad absurdum führte.

Und dass, wo doch die Kritik am Fernsehen besonders an diesem Abend so angebracht gewesen wäre (wie eigentlich an den anderen ca. 350 Tagen zuvor). Zwei Jahresrückblicke, zwei der best bezahlten und bekanntesten, vielleicht sogar beliebtesten Fernsehmoderatoren, doch von Shows der Superlative keine Spur. „Stars“ wie Kurt Beck, Olli Kahn, Florian Hambüchen und co. wirkten eher wie B-Promis, als wie die, die nicht abgesagt, die noch Zeit hatten. Kurt Beck lies bei Jauch das übliche Bla Bla vom Stapel, an Gehaltlosigkeit nicht zu überbieten, Kahn und Lehmann mussten bei Kerner zwei Mal beteuern, dass Konkurrenz das Geschäft belebe – Kerner hatte wohl die Antwort nicht verstanden, ebenso wie die Irrelevanz seiner eigenen Frage(n). Florian Hambüchen durfte bei Jauch gegen einen (für 2008) belanglosen sportlich fitten Rentner antreten, der in der Münchener U-Bahn zusammengeschlagene Rentner kritisierte den Medienrummel um seine Person und war dafür folgerichtig bei Kerner, der Mundharmonika-Mann von RTL trällerte minderbemittelt das übliche Weihnachts-Bla Bla, Mario Barth machte Werbung für Homepage und Film, war witzlos und unspontan. Kerner mimte ein bisschen Wetten Dass und ließ zwei Kinder anhand von drei Sätzen die Bücher von Cornelia Funke erraten. Und Medizincomedian Eckhart von Hirschhausen wollte für seine 250.000 Euro-Spende für die Ein-Herz-Für-Kinder-Sendung am Tag zuvor noch einmal gelobt werden. Dass sich sein Buch bereits 1.000000 mal verkauft hat, wurde nur am Rande erwähnt, und nach so einer netten Spende sind doch sicher noch ein paar Tausend Käufer drin.

Lediglich bei Oliver Pocher, den Jauch am Ende mal wieder rausschmiss, konnte man für einen kurzen Moment aufatmen, gab er doch die Jauch-Sendung für wenige Sekunden der Lächerlichkeit preis und sagte das, was alle wussten, aber niemand sagen würde. Neben dem Mundharmonikamann habe er den RTL-Bauer (Namen beider Stars entfallen) vermisst, und auch für ihn könnten noch Karten auf der Homepage erstanden werden, meinte er in Anlehnung an Mario Barths Kommerzpolitik.

Man sah beide Sendungen im Wechsel per Zapping und fragte sich: War das Jahr wirklich so schlecht, so belanglos? Der Bankenkrise versuchte Kerner ein Gesicht zu geben – wahrlich nicht sein eigenes – und setze den WISO-Moderator neben zwei Opfer aus dem Volke, die Tausende von Euro verloren haben, sich aber für ihr Geld – und natürlich das der vielen anderen Opfer mit Demos und Auslandsreisen einsetzen. Eine lachhafte Veranstaltung, die eigentlich gar nicht zum Lachen war. So sorgte ein 11-Jähriges Mädchen auf Kerners Couch für Mitleid, weil es in Israel mit einem viel älteren Mann zwangsverheiratet wurde. Fremde Kulturen - für viele Westeuropäer unvorstellbar. Menschen 2008 – zu Tränen gerührt, oder war es doch die Herz-Für-Kinder-Show vom Vorabend?

Noch eine Prise Obama hier, ein bisschen Ypsilanti da und fertig war der Jahresmix, leicht bekömmlich, in kleinen Häppchen serviert, dafür sorgte der RTL-Pausenmarathon per (Privat-)Definitionem.

Noch was vergessen in diesem Jahr? Finanzkrise, Hessen/Obamawahl, U-Bahnschläger, EM, Olympia, Reich-Ranicki. Dann ist ja sicher alles gesagt. Was soll man auch dazu setzen: Medienkultur heißt Wahrnehmung dessen, was uns Medien vorsetzen. Will heißen: Das Jahr war wirklich so. Und wenn es doch nicht gänzlich die Färbung Jauchs oder Kerners hatte, dann aller höchstens ein bisschen von beidem. Oder war Ihr 2008 etwa anders? Denken Sie mal darüber nach.

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Kultur im Fernsehen oder die Negation des Reich-Ranicki

Die Diskussion schien längst beendet. Die Macher des Fernsehens haben die Regeln erkannt. Auf der Jagd nach Quoten bleiben Inhalte oft auf der Strecke. Unterhaltung wird in viele Hüllen gesteckt. Und hin und wieder ziert diese Hüllen das Label "Kultur". "Harald Schmidt" war einst ein solches Hüllenformat. Hier voreilig in Panik auszubrechen würde der Frage, was ist überhaupt Kultur keinen Raum mehr lassen. Also, was ist überhaupt Kultur? Und was ist Kultur im Fernsehen? Der Leser dieses Blogs kennt natürlich die Antwort und weiß, in welchen Term diese Diskussion heute im 21. Jahrhundert mündet. MEDIENKULTUR ist heute nicht nur das Schlagwort, welches auf die Agenda derjenigen gehört, welche sich über die Niveaulosigkeit und die Bagatellisierung des Fernsehens echauffieren. Marcel Reich-Ranicki täte gut daran, seinen Kulturbegriff zu überdenken. Wie einst Adorno zählt er sich zur Elite. Zweifellos gehört er dazu. Der Elite mangelt es jedoch an Adaptionsvermögen und emotionaler, vielleicht sogar strategischer Intelligenz. Wer sich über die Masse stellt, der erhebt damit zugleich einen Anspruch, den er nicht erüllen kann. Nicht weil er Teil der Masse ist, sondern weil er ohne sie nicht wäre!
Das war denn auch der Teufelskreis der Medienmachinerie, aus dem auch der "Elite-Kritiker" (welch ein ironisches Wort) zusammen mit seiner verkörperten Antithese "Thomas Gottschalk" keinen Ausweg wusste. Immerhin: Sie haben die Misere erkannt. Wie soll man denn einer Amerikanisierung und Kommerzialisierung des Fernsehens entgehen, wenn Werbeeinnahmen das höchste Gut sind? Das Problem R-R´s: Zunächst einmal ist alles falsch und alles schlecht. Verneinend beginnt R-R jedenfalls nahezu jeden Satz - und das auch schon zu Zeiten des Literarischen Quartetts. R-R verfolgt seit eh und je eine Strategie der Negation. Was er nicht beachtet: Die Negation der Masse ist in einem Kahlschlag die Negation seiner selbst. Er kann abgeschieden leben, der Lust am Lesen fröhnen, und er kann die Kritik den Feuilletons kundtun. Doch kennen würde ihn wohl heute keiner, hätte er es dabei belassen. Es musste erst das Literarische Quartett die Lautstärke und Intensität des R-R in die Wohnstuben der (vielleicht kleineren Masse) übertragen, bis die Verneinung des Fernsehpreises überhaupt erst seine Wirkung tat. Die Negation ist seine Stragie. Bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises hat sie seinen Höhepunkt erreicht. Ein Elite-Mann sagt Nein zum Fernsehen und tritt von der Bühne. Doch er tut mehr: Er tritt ab, weil er sich selbst negiert hat.
Das ist das Dielmma, vor dem auch ein Harald Schmidt und viele Fernsehschaffende mehr nicht gefeit sind. Fernsehen zu machen aus tiefer Abneigung gegen das Fernsehen. Und so ergeht es bis heute allen Medienkritikern. Sie können nicht mit dem Fernsehen leben, doch ohne noch viel weniger. Die Kritik am Fernsehen ist hier gleichwohl eine andere als bei R-R: Die Fernsehnegation der Fernsehkritiker ist die Bejahnung der eigenen Arbeit. Ein Norbert Bolz, ein Neil Postman, ein Hans-Magnus Enzensberger wäre nichts ohne sein Gerät, das er so sehr verabscheut.
Und so kann sich auch Harald Schmidt nicht gegen das Fernsehen wehren. Er will lieber auf die Bühne, doch er fügt sich einem Oliver Pocher. Auch er hat nach langen Jahren des Probierens und Attackierens die Lexion des Scheiterns gelernt. Nach absterbenden Quoten "pocht" wieder das Herz der ARD-Intendanten. Das Begreifen der Misere ist der erste Ausweg. Die Ausfahrt nach Babylon (Lorenz Engell) ist die einzig verbleibende Lösung des Problems. Und so existieren die Hüllen weiter. Mal leerer, mal voller. Mal ein wenig Kultur, mal ein wenig Unterhaltung. Wenn es gut "läuft", ein wenig von beidem. Harald Schmidt wollte einst mit Bildung unterhalten. Heute sind Shakespear, Schiller und Dostorjevski Vergangenheit. Doch nach wie vor hat es Schmidt nicht verlernt, uns die Welt zu zeigen, mit Zynismus und Scharfsinn den Dingen auf den Grund zu gehen. Kleine Gesten, kurzes Zucken und alles ist gesagt.
Medienkultur ist die Antwort auf R-R. Sie weicht den Elite-Begriff der Hochkultur ein wenig auf und setzt die Akzente auf den Soft-Skills der Medienwelt. Wer das Fernsehen in die Unterhaltungshülle presst, es als Nullmedium abtut und einen Kulturverfall propagiert, der vergisst das Diktum Lumanns: "Alles was wir wissen, wissen wir aus den Massemedien". Heute muss der Satz erweitert werden: "Alles, was wir sind, sind wir ob der Massenmedien". Der Begriff der Masse, von den Soziologen dieser Welt kritisiert und gefeiert, hat längst ausgedient. Medienkultur tritt an seine Stelle und beürcksichtigt die gebotene Komplexität. Medienkultur offeriert Lebens- und Wirklichkeitsmodelle. Nicht nur ermöglichen Medien Anschlusskommunikation - so wie wir sie derzeit bei R-R erleben - und wenden damit Kulturprogramme in Form von Diskursen an. Die Soaps, Gerichtsshows, Popstars und Seelenstrips dieser Welt haben vielleicht mehr mit Brecht zu tun, als R-R glauben will. Die Geschwindigkeit und Intensität seiner Negation lässt ihm keinen Raum zu denken, über den medialen Tellerrand, in die Medienwirklichkeit zu gucken. Medien sind unabdingbar für die Wahrnehmung des Anderen, sie sind der Spiegel des Selbst - auch und gerade das Fernsehen.
Und wie geht es weiter? Was macht unser Teufelskreis? Was machen die Hüllen und die Negation? Nun, man kann versuchen, den Rettungsring zu erhaschen, den Anker zu werfen und die Segel zu setzen, so wie es R-R tat: Ja, Shakespeare war unterhaltsam. In der Tat. Und sicher könnte man versuchen, mit "Kultur" zu unterhalten, oder mit Unterhaltung zu bilden. Doch das Hüllendenken macht im Fernsehen wenig Sinn. Wer fern sieht, der sucht sich ein wenig von allem heraus, abhängig, von dem was er tut, wie er fühlt, was er will. Ein reines Kultur- oder Bildungsfernsehen widerstrebt der Dynamik der Medienkultur, des Lebens selbst.
Wir gestehen R-R die Kritik am Fernsehen zu. Vielleicht ist es an der Zeit, wieder einmal über den Sinn des Fernshens zu sinnieren und den Medienkultur-Diskurs aufzufrischen. Aber es wird wohl kaum dazu führen, dass wir Brecht und Shakespeare auf der Mattscheibe begegnen. Und das ist auch gut so. Marcel Reich-Ranicki sagte Nein und suchte die Ausfahrt. Er tritt ab. Es war sein letzter Akt. Über ebenso fragwürdigen Mechanismen der Literaturindustrie oder die abscheuliche Selbstbeweihräuscherung beim Deutschen Fernsehpreis braucht gar nicht geredet zu werden. Sie sind, was sie auch bleiben werden: Teil des Programs. Auch nach Reich-Ranicki.