Sonntag, 9. August 2009

Obama´s Welt: Die demokratische Mission

Just als der frühere US-Präsident Bill Clinton mit den beiden frei gelassenen Journalistinnen den amerikanischen Boden betritt und seine „humanitäre Mission“ für erfolgreich erklärt, übernimmt Obama das Ruder, das ihm elegant, wie von Geisterhand übergeben wurde. Schluss mit dem „provokanten Verhalten“ verschärft er zusammen mit UN-Generalsekretär Ban Ki Moon den Ton und fordert neue Gespräche im Atomstreit mit Nordkorea. Dass sich Kim Jong Il dazu durchringen kann, gilt angesichts der strategischen Vorarbeit Clintons als immer wahrscheinlicher. Auch wenn Hillary Clinton noch mal ausdrücklich betonte, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Freilassung der US-Journalistinnen und dem Thema Atomprogramm gebe. Auch für Nordkorea steht indes einiges auf dem Spiel. Das kommunistische Land könnte der internationalen Isolation entkommen, öffneten sie sich für neue Gespräche und ließen sie sich schließlich zu einem atomaren Abrüsten überreden. Das wiederum gilt angesichts der Reketen-Provokationen der vergangenen Monate als weniger wahrscheinlich. Die angestrebten Gespräche der USA sind zumindest ein Schritt in die richtige Richtung.

Unterdessen werden die Töne gegen den kürzlich vereidigten iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad erneut verschärft. Es scheint, als vergesse Obama seine eigenen Worte, wollte er ja vorbehaltlos auf den Iran zugehen. Doch sein neuerlicher Kurs zeigt nur, wie kritisch und komplex die Lage um einen möglichen Dialog mit dem Iran ist. Wie einen Schulterschluss mit Teheran eingehen, wenn der illegitime iranische Machthaber seine Tyrannei fortsetzt und regimekritische Demonstranten in einem zermürbenden Schauprozess zu mehrjährigen Haftstrafen, vielleicht sogar zur Todesstrafe verurteilen könnte. Kein Wunder also, dass die Iran-Politik des Weißen Hauses verwirrt. Vizepräsident Joe Biden würde sich einem israelischen Angriff auf die Atomanlagen Irans nicht in den Weg stellen, Außenministerin Hillary Clinton zeigte sich pessimistisch, dass Verhandlungen mit Teheran ohne Vorbedingungen erfolgreich sein würden, erst recht in Zeiten solch gravierender politischer Unruhen im Land. Es scheint fast so, als seien die Amerikaner nicht überzeugt davon, dass der Iran von seinen Atomplänen abrücken werde. Und das scheint angesichts der angespannten Weltlage genauso unwahrscheinlich wie das atomare Abrüsten Nordkoreas. Die Strategie Obamas zeichnet sich nur langsam ab, doch scheint es immerhin eine zu geben. Die lautet Annäherung ohne Vorbedingungen und ohne Verächtung der Vergangenheit bei gleichzeitiger Erhöhung des politischen Drucks bis hin zur Drohung von Militärschlägen. So muss Iran den Ernst der Lange erkennen und ihm gleichzeitig die Möglichkeit geboten werden, Verhandlungen führen zu können. Dennis Ross, der Iran-Beauftragte im Weißen Haus, der diesen „Hybrid-Ansatz“ schrieb in seinem Buch laut Süddeutsche Zeitung: Damit der Iran auch beim Einlenken sein Gesicht wahren könne, müsse er weiter Uran anreichern dürfen, jedoch unter strenger Überwachung. Diese Strategie scheint insofern sinnvoll, als dass gerade religiös motivierte Machthaber ihre eigene Menschenwürde nicht angetastet wissen wollen, obschon ihre Definition eine andere ist als die westliche.

Die US-Offerten Richtung Osten weiten sich schließlich auch auf China aus. Nur geht es hier weniger um sicherheitspolitische Interessen als um finanzielle. Bei keinem anderen Land stehen die USA so tief in der Kreide wie bei China. Angesichts einer Schuldenhöhe von mindestens 800 Milliarden Dollar können Menschenrechtsverletzungen schon mal bei Seite geschoben werden. Besser kleinlaut sein als vorlaut lautet hier die amerikanische Divise. Die weltpolitische Lage ist angespannter denn je. Machtstrategien kollidieren mit Friedensbemühungen, finanzielle Abhängigkeiten gerade in Zeiten der Krise verengen den politischen Handlungsspielraum. Die USA um Präsident Obama verhalten sich richtig. Wie eine kluge Raubkatze beobachten sie leise ihre Beute, die wenn sie schlau genug ist, nicht am Entkommen gehindert wird. Obama scheint bereit, aus seinen Worten auch Kampfansagen zu machen, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Die Gegenseiten sind am Zug!

Donnerstag, 6. August 2009

Obama´s Welt: Ein amerikanischer Traum für alle

Was für ein Sommer für Barack Obama. Nachdem er seinen 48. Geburtstag in Person und seinen ersten im Weißen Haus feiern durfte, und er um ein paar Jeans (so einer der vielen Vorschläge) reicher geworden sein dürfte, holte ihn die bittere Realität schneller ein als ihm lieb war. Auf dem G 20-Gipfel in London im April war die Stimmung noch perfekt, einigte sich Obama mit den Industrienationen darauf, ein Entwicklungspaket von 250 Milliarden Dollar über zwei Jahre zu schnüren. Auch beim G8-Vorzeige-Gipfel in Italien im Juli entschied man einvernehmlich die CO2-Emissionen bis 2020 um 15-30 Prozent zu senken. Auch der Schulterschluss mit Deutschland wurde immer enger: „Sie haben doch schon gewonnen“, war sich Obama im Juli sicher und sah die Kanzlerin auch in der zweiten Legislaturperiode auf sicherem Posten. Ein empfindlich getroffener Bürokrat wie Steinmeier konnte gar nicht anders, als alle Amerikareisen vorsorglich abzusagen. Auf heimischen Boden liegen die Dinge nicht ganz so einfach, lassen sich nicht als Symbolpolitik via Grundsatzrede händeln. Dort braucht es Handlung, so kurzfristig wie möglich. Denn 46 Millionen Amerikaner haben keine Krankenversicherung und brauchen eine, wollen sie behandelt werden. Die Gesundheitsreform dürfte zweifellos das größte innerpolitische Projekt des US-Präsidenten werden. Allen Amerikanern will er eine Krankenversicherung garantieren, doch könnte er dabei an der Kostenfrage scheitern, wie einst Bill Clinton, der das gleiche Wohlwollen verspürte. Fest steht: Ob Finanzkrise oder nicht, finanzielles Scheitern oder Gelingen, es muss etwas passieren. „Nichts tun ist keine Option“, weiß Obama und ist gewillt zu handeln. "Es ist eine Gelegenheit, wie sie vielleicht in Generationen nicht wiederkehrt," sagte Barack Obama am Samstag in seiner wöchentlichen Videoansprache. Deshalb solle der Kongress noch vor der Sommerpause im August ein Gesetz vorlegen, das das Gesundheitssystem der USA von Grund auf saniert. In den kommenden Tagen wird sich zeigen, ob Obama auch als Reformpräsident in die Geschichtsbücher eingehen wird. Das Problem: Die Krankenversicherung ist in den USA ausschließlich an den Arbeitsplatz gekoppelt, allerdings sehen sich viele kleine Unternehmen außer Stande, diese Leistungen für ihre Mitarbeiter zu übernehmen. Wer ein mal eine schwere Krankheit erlitten hat, wird „unversicherbar“. Das soll künftig ebenso geändert werden, wie arme und schwerkranke subventioniert werden und eine gesetzliche Versicherung garantiert bekommen – so zumindest der Plan des Präsidenten. Kostenpunkt: Eine Billion Doller. Einige Senatoren und Kongressabgeordnete unter den Republikanern werden sich erwartungsgemäß dagegen stellen, doch müssen auch sie sich einer Neuregelung des Gesundheitssystems beugen. Ob jedoch die Kostenrechnung aufgeht, und nicht wie bei Clinton 1994 vom Haushaltsbüro des Kongresses zu Nichte gemacht wird, muss sich zeigen. Doch weil Obama keine gänzlich neue Reform, sondern nur Ausbesserung anstrebt, könnte ihm das Gesundheitsprojekt gelingen. Es wäre ein wichtiges Zeichen, mehr noch: Es wäre eine wichtige Tat, ganz allein auf heimischem Boden.
Ein zweites Projekt bringt Obama auf den amerikanischen Boden der Tatsachen: Die Rassismus-Debatte. „Legt die Xbox weg“, riet der Präsident vor wenigen Tagen den Schwarzen Amerikas. Afro-Amerikaner sollten ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen um gesellschaftlich aufzusteigen. "Machen wir uns nichts vor: Die Schmerzen der Diskriminierung sind in Amerika noch immer zu spüren", sagte der erste schwarze US-Präsident zum 100-jährigen Bestehen der Bürgerrechtsorganisation NAACP. Es war die erste große Rede zum Thema Rassendiskriminierung seit seiner Amtsübernahme im Januar. Und sie beweist, dass Obama auch seinen Regierboden nicht aus den Augen verliert – nicht aus den Augen verlieren darf. So will er die Bildungschancen für Schwarze verbessern um ihnen auf dem Arbeitsmarkt die Kluft zwischen Weiß und Schwarz zu verkleinern und findet wie immer wirkungsvolle Worte: „Der amerikanische Traum muss für alle gelten.“ Ein Satz, der wahrlich auch zur Gesundheitsreform passt. Dabei seien auch die Eltern aufgerufen. Sie sollen "die X-Box weglegen und ihre Kinder zu einer vernünftigen Zeit ins Bett bringen". Der Präsident verwies in der Rede natürlich auf seine eigene Biografie. "Ich komme nicht aus einem reichen Haus", sagte Obama, dessen Mutter alleinerziehend war. "Ich hatte einigen Ärger als Kind. Mein Leben hätte leicht in die falsche Richtung gehen können. Aber meine Mutter hat mir Liebe gegeben, sie hat für meine Bildung gesorgt. Dank ihr hatte ich die Chance, das Beste aus meinen Fähigkeiten zu machen." Obama wirkt glaubwürdig. Und mit dem Glauben lässt sich ja bekanntlich...

Mittwoch, 1. Juli 2009

Die verblasste Ikone oder: Das System "Michael Jackson"

Der Tod Michael Jacksons wird verständlicherweise lebhaft diskutiert. Doch beschäftigen sich die Menschen nach dem Ableben des Ausnahmetalentes weniger mit seinem Tod als mit seinem Leben. Auf den Straßen hört man Aussagen wie: „Er war doch selbst noch ein Kind“ oder: „Als Mensch war er mir suspekt, seine Musik hab ich gemocht.“ Die Medien sind weniger zurückhaltend und packen die Superlative aufs Tableau: „Der größte Entertainer aller Zeiten“, „eine Ikone der Pop-Musik“, er wird gar als Quasi-Erfinder des Musikvideos (und MTV) gehandelt. Vielleicht ist vieles, was derzeit verhandelt wird, richtig. Im Internet prägen neben Huldigungen auch wüste Beschimpfungen das Bild. Der Tod einer Ausnahmeerscheinung führt derzeit zu einem wahren Ausnahmezustand. Für einen kurzen Moment wird das eigene Leben, werden die eigenen Probleme des Alltags aufs Abstellgleis befördert, freut man sich über das Andere im immer gleichen – ohne es zu merken. Für die Medien ist es Geschäft, für die Menschen ist es eine Sensation, die trotz aller Tragik Anlass zur Zerstreuung liefert. Ähnlich einer Fußball-WM ist der Tod Michael Jacksons ein Event, so böse das klingt. Und er ist ein Ereignis, das jeder auf seine persönliche Weise teilen kann. Denn jeder kennt ihn, verbindet etwas anderes mit ihm. Der Tod Michael Jacksons ist ein kollektives Ereignis. Im Kollektiv soll die Komplexität aufgelöst werden. Denn ein Tod ist immer auch etwas, was sich dem Verständnis und auch dem Verstehenwollen entzieht. Auf den sich keiner vorbereiten kann. Schnell ruft ein solcher Tod die Verschwörungstheoretiker auf den Plan. Ein großer Komplott trägt einem „bedeutsamen Tod“ Rechnung, macht ihn verstehbar, akzeptierbar. Nun liegen die Dinge im Fall Michael Jackson anders als bei Kennedy und Co. Michael Jackson wird zur Ikone stilisiert, in Wahrheit ist er seit Ende, vielleicht schon Mitte der 90er Jahre ein gebrochener Mann, eine verblasste Ikone. Ein Mann, der als Kind auf Erfolg und Selbstvermarktung getrimmt wurde, der gegen seine eigenen Wurzeln, seine eigene Identität gekämpft hat, der sich in seiner Eigenschaft als Mensch zu Gunsten der Erschaffung eines Systems marginalisiert hat – weil er sich marginalisieren musste. Und je mehr sein Gesicht durch seine 50 Operationen verblasste, desto mehr verblasste auch das System Michael Jackson.
Er versuchte der Mühsahl dieser genialistischen wie tragischen "Systematik" zu entrinnen, und wo er den Ausweg aus einem zermürbenden Starsein suchte, antwortete er mit Verve und Progression. Was er fand, war nur eine neue Ausfahrt nach Babylon. Erkaufte Kinderliebe mündete in Missbrauchs-Verdachtsfälle. Es mag der Wunsch nach Menschlichkeit, Nächstenliebe, Zuneigung, nach Unschuld und Neutralität gewesen sein. Und ungeachtet der Tatsache, dass die Eltern leichtes Spiel hatten, gehören kleine Kinder nicht in große Betten, da kann das Spiel noch so herzlich gemeint sein. Und dass es zum Austausch von „Zärtlichkeiten“ (welcher Form auch immer) gekommen ist, darüber besteht fast kein Zweifel. Michael Jackson ist nicht nur der Held, als den ihn jetzt gerne alle hochhalten, auf ihm lastet auch ein Geheimnis. Es ist diese Dichotomie aus Heldentum und Mysterium, aus (Musik)-Genie und (OP)-Wahnsinn, die Michael Jackson auch posthum so undurchsichtig macht. Da fällt es schwer, sich auf eine Seite zu schlagen. Er war wohl so wenig tadellos wie es der Mensch per se auch ist. Mit dem Unterschied, dass Jackson bei seinem Tod kein Mensch mehr war. Geistähnlich ist er abgetreten. Die 50 geplanten Konzerte in London hätte er vielleicht nie bestreiten können - wollte er vielleicht auch nie. Was letztlich zu seinem Tod führte oder nicht, er war verblasst. Sein Tod dürfte nicht verwundern. Vielmehr war er zu erwarten.
Zu Lebzeiten hat der (im Übrigen selbsternannte) „King of Pop“ mehr Platten verkauft, als je ein Künstler vor ihm, und als je wieder ein Musiker verkaufen wird – so die Prophezeiungen. Wenige Tage nach seinem Tod belegen seine Platten die ersten 10-20 Plätze in den Verkaufslisten von Amazon und iTunes. Media Control verzeichnet derzeit die meisten Plattenverkäufe, die jemals in einem so kurzen Zeitraum verbucht wurden. Die CD-Regale in den Kaufhäusern sind wie leer gefegt. Auf Bestellungen müssen Kunden mit zwei Wochen Wartezeit rechnen. Gerade erleben wir den Reboot des „MJ“-Systems. Seine Meriten sind unanfechtbar. Zweifellos hat es die Medienkultur geprägt, hat es die Ästhetik von Pop-Musik und Videoclips entscheidend mitbestimmt, hat es gezeigt, wie Marketing-Strategien funktionieren und wie elementar Disziplin und Perfektionismus im Künstlergeschäft sind. Doch die Niedertracht der Welt konnte es nicht besiegen, ironischerweise ist sie Teil von Michael Jackson selbst geworden. Die Nachwelt wird von „MJ“ lernen, und sie lernt auch, wie unberechenbar, verwundbar, unhuman, fatal und tragisch ein System sein kann, wenn es erstmal ein Eigenleben entwickelt hat. Ein eben solches hätte man dem Menschen Michael Jackson nur wünschen können! Dann würde er noch leben!

Mittwoch, 24. Juni 2009

Das Neda-Video: Zwischen Iran-Revolte und Medien-Revolution

Der immense Volkswiderstand im iranischen Teheran bekommt ein Gesicht - und eine Heldin: Neda Salehi Agha Soltan ist 26, Studentin. Als sie die Proteste gegen das Mullah-Regime am Rande beobachtet, wird sie von einer Kugel direkt in die Brust getroffen. Sie stirbt wenig später unter den Armen ihres Vaters und eines Arztes, die ihr Blut nicht stoppen können. Offenbar hat ein regimetreuer Scharfschütze die Frau von einem Dach aus gezielt getötet. Nun wird Neda zur Märtyrerin, bleibt ihr Gesicht das menschliche Sinnbild einer Revolte, vielleicht einer zweiten Revolution nach 1979 - zumal das Märtyrertum im schiitischen Islam von großer Bedeutung ist. Seit auf Youtube und Facebook das per Handy aufgenommene Video von der kaltblütigen Ermordung Nedas und der vergeblichen Rettungsaktion kursiert, scheint die Welt wachgerüttelt. Exil-Iraner auf der ganzen Welt demonstrieren mit Plakaten wie „I Am Neda“. Ob das Video echt ist oder gestellt, darüber lässt sich nur spekulieren, denn Nachrichten dringen nicht mehr auf offiziellem Wege über Agenturen an die Öffentlichkeit. Es sind die neuen Kommunikationsplattformen im Internet, die Social Media, die den diktatorischen Zensurmethoden unter Präsident Mahmud Ahmadinedschad (und seinem geistlichen Führer Ajatollah Ali Chamenei) ein massendemokratisches Sprachrohr entgegensetzen. Und auch wenn diese Plattformen im Iran gesperrt werden, leisten findige Studenten den oppositionstreuen Aufständischen Unterstützung, indem sie Proxyserver bereitstellen, die Seitensperrungen umgehbar machen.
Wie selten zuvor in der Geschichte wurden Aufstände derart strikt zensiert und sind gleichzeitig derart deutlich mitverfolgbar. Die neuen Medien ermöglichen eine Direktübertragung vom Ort des Geschehens in die ganze Welt. Mit ihren Handys dokumentieren Demonstranten das Gesehene und führen es über Youtube und Facebook der Welt vor Augen. Über den Microblogging-Service Twitter werden persönliche Eindrücke und Informationen beispielsweise über den nächsten Demonstrationsort mitgeteilt, auf Weblogs wird weltweit über die Vorgänge im Iran diskutiert. Die neuen Medien können nichts ungeschehen machen, aber sie machen auch nichts mehr ungesehen. So werden Digitalmedien zur Waffe, gegen die selbst die Machthaber machtlos zu sein scheinen. Doch könnte der Schein am Ende trügen, weil mittlerweile angenommen wird, dass auch der iranische Geheimdienst über Twitter Propaganda-Nachrichten verbreitet und gezielt Twitter-Autoren bespitzelt und verfolgt. Die Twitter-Betreiber selbst haben unterdessen ihre geplanten Wartungsarbeiten auf einen Zeitraum verschoben, in dem nicht viele Nachrichten aus dem Iran erwartet werden. Die dadurch benachteiligten amerikanischen Twitterer reagierten solidarisch.

Wir erleben in diesen Tagen, wie anonyme Aktivisten auch den Journalisten das Zepter aus der Hand nehmen. Erstmalig werden nicht mehr Namen von Befragten zitiert, sondern Pseudonyme wie „change for iran“, unter denen sich die Autoren auf den Netzwerk-Seiten angemeldet haben. So ist der Iran-Protest nicht nur eine neue Revolution gegen die Machthaber, er ruft uns auch die neuen technischen Möglichkeiten und deren Auswirkungen ins Bewusstsein. Auch beim Protest gegen das militante Militärregime des Vielvölkerstaates Burma in Südostasien im Oktober 2007 vernetzten sich weltweit Blogger, einten sich im Vorhaben, den Threat „one text for burma“ zu eröffnen und damit gemeinsam die Stimme für eine Befreiung der Burma-Mönche zu erheben. Die innerörtliche Sprengkraft dieser Kampagne ist hier nicht so ausschlaggebend wie das Aufsehen, für das die Aktion weltweit gesorgt hat. Auch im Fall Neda bleibt abzuwarten, welche Folgen ihr Tod die politische und gesellschaftliche Zukunft im geistlich geführten Iran hat. Die Wahrscheinlichkeit für einen Bürgerkrieg ist jedenfalls noch mal um ein Vielfaches gestiegen.

US-Präsident Obama, der sich angesichts seiner Friedensbemühungen mit dem Islam leise verhalten musste, wird nun lauter. Bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus verurteilte er die Übergriffe der iranischen Sicherheitskräfte auf die Demonstranten scharf und stellte die Rechtsmäßigkeit der Präsidentenwahl im Iran in Frage. Er spricht von „universalen Bürgerrechten“, zu denen auch die uneingeschränkte Rede zähle. Es scheint gar, als distanziere er sich von der Anfang Juni gehaltenen Grundsatzrede in der Universität in Kairo. In Bezug auf das Neda-Video sagte Obama, mutige Frauen hätten sich der Brutalität der Sicherheitskräfte widersetzt. Deren Verlust sei brutal und schmerzlich. "Aber wir wissen auch dieses: Diejenigen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen, sind immer auf der richtigen Seite der Geschichte."


Die Proteste auf Teherans Straßen werden weiter gehen. Doch die Maschinen kämpfen mit. Das haben sie schon zu Zeiten der „embedded journalists“ im Irakkrieg und noch früher im Vietnamkrieg getan, doch diesmal sind es tausende Amateure, die machtvolle Fäden spinnen – und das rund um die Welt!

Mittwoch, 17. Juni 2009

Google und die Vermessung der Welt

Eine Astra-Armada schwärmt derzeit aus, um die Welt zu vermessen. Die schwarzen Auftragsautos sind ausgerüstet mit mächtigen 360 Grad-Kameras, die von großen Masten erhaben auf die Welt blicken. Doch sie tun mehr: Sie lichten sie ab, halten sie fest, legen sie still, um dagegen das Medientreiben noch hektischer werden zu lassen. Und welches andere Weltunternehmen außer Google sollte es sein, dessen Ziel die mediale Weltherrschaft ist. Nachdem bald der gesamte Buch- und Wissensstand der Welt eingescannt und digital verfügbar sein wird, schickt sich Google nun an, die Welt zu kartografieren. Landschaften, Straßenzüge, sogar einzelne Häuser werden abgelichtet, und in die unendlichen Datenbanken des Suchmaschinen-Monopolisten eingespeist. Bestückt wird damit nicht nur der Google Service „Street View“, sondern auch der Landkartendienst „Google Maps“. Die ersten Autos wurden bereits gesichtet. Und Hamburg ist als erste deutsche Stadt gerichtlich gegen Die Ablichtungszeremonien Googles vorgegangen – mit Erfolg. Jeder Hausbesitzer kann sich gegen eine Veröffentlichung seiner „Privatfotos“ aussprechen und eine Löschung veranlassen, und das auch nachträglich. Auch die europäischen Datenschützer haben diese Möglichkeit europaweit verankert und schränken damit den weltweiten Vermessungswahn Googles ein wenig ein. Google hat auch eingeräumt, die Route der Astra-Autos vor ihrem Streifzug bekannt zu geben. Ob sich Privatpersonen die Mühe machen, sich zwecks eines Fotoverbots an Google zu wenden, ist fraglich. Der Konzern versichert ferner, Menschen und Autos unkenntlich zu machen.
Wie jetzt bekannt wurde, soll Google künftig auch dem Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Arbeitslosenstatistiken liefern - und das schneller als die Bundesagentur für Arbeit. Schon jetzt verzeichnet Google einen Rückgang der Arbeitslosigkeit für die erste Jahreshälfte. Die Erhebung basiert wieder einmal auf dem enormen Datenbestand Googles. So würden entsprechende Jobanfragen über die Suchmaschine ausgewertet. Wahrscheinlich ist, dass auch Formulardaten und andere vertrauliche Informationen in eine solche Statistik einfließen. Fraglich bleibt, wie aussagekräftig und zuverlässig solche digitalen Statistiken sind. Es zeigt sich einmal mehr, dass heute digital verfügbare Daten immer wichtiger und einflussreicher werden – und das in allen Lebensbereichen. Wir leben in einer Datenkultur, die den richtigen Umgang und die nötige Sensibilität von jedem Einzelnen notwendig macht. Forderungen, einer Datenkultur Einheit zu gebieten, sind sinnlos und laufen ins Leere. Die Vermessung der Welt hat gerade erst begonnen. Aufhalten lässt sie sich nicht.

Mittwoch, 10. Juni 2009

Obama´s Welt: Friedensfeldzug mit Folgen

Der Feldzug des Friedens geht weiter: Präsident Barack Obamas historische Grundsatzrede vom 4. Juni 2009 in der Kairoer Universität in Ägypten richtete sich vor allem an die muslimische Jugend, welche sich von ihm zu Begeisterungsstürmen hat hinreißen lassen. Auf frequentierten Web 2.0-Plattformen stellen die Medienbeauftragten des Präsidenten die wichtigsten Zitate online – machen sie sichtbar, konservierbar, diskutierbar. Twitter, Youtube, Facebook und co. dienen dem mächtigsten Mann der Welt schon seit seinem Wahlkampf als demokratisches Sprachrohr. Zweifelsohne ist er Vorreiter einer digitalen Politik. Das muss er auch sein. Eine Vernachlässigung der neuen medialen Entwicklung würde nicht nur seine weltweite Erreichbarkeit einschränken, sie würde auch dem gegenwärtigen medienkulturellen Bewusstsein zuwiderlaufen. Und das muss besitzen, wer von der Jungend gehört werden will. So begegnet der mächtigste Mann der Welt den jungen Menschen dieser Welt auf Augenhöhe.
Dass er die Rhetorik des Herrschens besser versteht als jeder gegenwärtige Politiker und die meisten Amtsinhaber vor ihm, hat er bereits mehrfach bewiesen. Mittlerweile scheint es gar, als stecke hinter den Bonmots ein echtes Herzensanliegen. Noch vor einiger Zeit hätte man jedem, der einen solchen Friedensfeldzug führt, wie es Obama derzeit tut, realitätsferne Naivität bescheinigt. Dieser machtvolle Hoffnungsträger, der selbst islamische Wurzeln hat, wirkt glaubwürdig. Als er eine Welt ohne Atomwaffen propagiert hat, wirkte er noch ein wenig stürmisch. Doch seine neuen Ziele sind nicht weniger schwungvoll. Was vollmundig "A new Beginning" geannt wird, könnte nachhaltig sein. Er fordert eine Zwei-Staaten-Lösung für den Nahostkonflikt, verbrüdert sich öffentlich mit dem islamischen Volk, appelliert symbolträchtig in Buchenwald an die Wachsamkeit der Gesellschaft. Der Holocaust-Verleugnung erteilt er ein für allemal eine Absage. Dass der Islam die Renaissance und die Aufklärung in Europa vorbereitet hat, wie es Obama ausführte, sei dahin gestellt. Fest steht: Es sind Sentenzen der Hoffnung im Pathos eines Erlösers.
Auch die anfänglichen Spannungen zwischen Merkel und Obama sind endgültig gelöst. Wenn auch nicht in Berlin, so doch in Dresden hat Barack Obama den Weg für eine Freundschaft geebnet. Er betonte die herausragende Stellung Deutschlands als Verbündeter der USA und räumte auch die letzten Zweifel an einer guten Beziehung zu Merkel aus. Der Kampf gegen die Terroristen wird weiter gehen, das hat auch Obama nicht bestritten, entscheidend ist jedoch, wie er geführt wird. Die Holzhammer-Taktik eines Bushs war nicht klug, sie hat zahllose unschuldige Opfer gekostet. Obama ist sehr viel feinsinniger, versteht sich auf kleine Gesten und leise Worte – mit mächtiger Wirkung. Er ist ein kluger Mann auf einem Friedensfeldzug. Erste Reaktionen aus der islamischen Welt sind positiv. Das Volk glaubt ihm. Und Glaubwürdigkeit ist die beste Grundlage für Vertrauen. Es sieht ganz danach aus, als würde sein Friedensfeldzug Folgen haben, als würde die Welt tatsächlich ein bisschen besser werden. Der kluge Mann spielt das frohgemute Lied der Versöhnung. Der kluge Mann könnte sich als weise herausstellen.

Donnerstag, 4. Juni 2009

Wolfram Alpha: Willkommen im Web 3.0

Bis die Maschine fühlen kann, wird es noch etwas dauern. Aber sie ist auf dem besten Wege dahin. Denn Fragen beantworten kann sie schon. „Antwortmaschine“ nennen Spiegel und Süddeutsche die Erschaffung des englischen Elite-Physikers Stephen Wolfram. Und die sorgt seit einigen Wochen weltweit für Wirbel. Es scheint, als bekomme Suchmschinen-Monopolist Google ernsthafte Konkurrenz. Aber ist dem wirklich so, oder entpuppt sich die Antwortmaschine als ein weiterer vergeblicher Versuch, Google das Digitalwasser zu reichen?

Wolfram Alpha, so der offizielle Name des Suchdienstes greift auf firmeneigene Datenbanken zurück, betrieben von Wolfram Research. Auf ihre Inhalte werden Algorithmen angewendet, die Antworten auf Nutzerfragen generieren sollen. Echte Antworten auf Fragen? Fachkundige erkennen schell, dass die Crux in den Fragen stecken muss. So wie auch die Antworten bei Google von den Formulierungen und Zeichensetzungen abhängen – Viele Nutzer stellen gerne Anfragen auf eine Weise, die eine gewünschte Antwort nahe legt. Zur Suchnachfrage „Krebs ist tödlich“ erhält der Nutzer mindestens genauso viele Antworten wie zur Anfrage „Krebs ist nicht tödlich“. Das Problem dahinter ist, dass diese sprichwörtliche Halbwahrheit für die Nutzer nicht selten als Weisheit genommen wird – getreu dem Motto, was nicht im Internet steht, ist nicht. Schon jetzt bahnt sich an, dass sogar Literatur, die nicht im Internet aufgeführt wird, aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden wird.

David Talbot machte für das Technik-Magazin des Massachusetts Institute for Technology, Technology Review den Test und ist dabei eindeutigen Fragestellungen aus dem Weg gegangen. Während Alpha auf die Anfrage „Sydney New York“ eine Fülle von Tabellen mit geografischer Lage, Flugrouten, Bevölkerungsgrößen und Uhrzeiten liefert, gibt Google hauptsächlich New Yorker Firmennamen aus, die das Wort „Sydney“ enthalten oder Buchungsformulare für einen Flug von Sydney nach New York. Während Alpha auf die Frage „Krebs New York“ allerdings das Sternzeichen im „Sinn“ gehabt haben muss und anzeigt, wo es im New Yorker Nachthimmel zu sehen ist, liefert Google ein Krebs-Register, Anlaufstellen und eine Informationsseite der New Yorker Gesundheitsbehörde. Schnell wird klar: Wenn der Computer überhaupt jemals selbstständig sinnvolle Zusammenhänge herstellen oder gar Fragen beantworten können wird , dann wird es wohl noch eine Weile dauern. Nach ersten Einschätzungen wird Wolfram Alpha die Welt nicht so stark verändern, wie es Google getan hat. Und natürlich hat Google schon einen eigenen Dienst angekündigt, der auf ähnliche Weise funktionieren wird wie Wolfram Alpha. Wir stehen scheinbar vor einem digitalen Wettrüsten, bei dem es vor allem darauf ankommt, wer die meisten Daten gesammelt hat und vor allem, wie er sie verwertet. Dabei muss dem Computer gelingen, die Absichten des Nutzers zu erlernen und zu „verstehen“. Doch im Gegensatz zum Kalten Krieg kann das digitale Wettrüsten am Ende dem Nutzer nützen. Momentan ist die neue Antwortmaschine nicht das, was sie verspricht. Sie hat jedoch das Potenzial, nach dem erfolgreichen Web 2.0 zu einer nächsten Bewusstseinsstufe zu leiten: In Zukunft gibt es nicht mehr nur den Nutzer (Web 1.0) und den Autor (Web 2.0), sondern auch computereigene Datengenerierung – das „semantic web“ (Web 3.0). Mehr als eine „sinnvolle“ Datenverknüpfung, eine Art wohlklingende digitale Komposition ist aber bislang nicht in Sicht.